Ein Blickwechsel lohnt sich – 22. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 14
1 Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau.
7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, nahm er das zum Anlass, ihnen eine Lehre zu erteilen. Er sagte zu ihnen:
8 Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen bist, such dir nicht den Ehrenplatz aus. Denn es könnte ein anderer eingeladen sein, der vornehmer ist als du,
9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.
10 Wenn du also eingeladen bist, setz dich lieber, wenn du hinkommst, auf den untersten Platz; dann wird der Gastgeber zu dir kommen und sagen: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
12 Dann sagte er zu dem Gastgeber: Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Schwestern und Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten.
13 Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.
14 Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

Autorin:
DSCF0098_0017-225x300Sabine Mader, Pastoralreferentin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Klinikseelsorgerin im Klinikum Esslingen

 
Die Predigt:
Ein Blickwechsel lohnt sich

Liebe Leserin, lieber Leser,
viele Blitzlichter flammen in mir auf beim Lesen des heutigen Evangeliums. Die Diskussion um den Ehrenplatz, um Macht und Ansehen in der Gesellschaft z.B., ist so aktuell wie nie. Die internationale und nationale Politik lebt uns ja gerade extrem vor, wie man es nicht machen sollte. Da hören wir von Machthabern, die den Blick für die Menschen verloren haben, denen es nur mehr um die eigene Person geht.

Aber auch der Ratschlag Jesu, sich auf den schlechtesten Platz zu setzen, damit der Gastgeber kommt, um einen besser zu platzieren, mutet seltsam an. Ist das nicht etwas berechnend oder gar verlogen? Klingt es nicht nur wie eine geschickte Strategie, um sich gut in Szene setzen zu können? Ich gebe vor, unter den Armen zu sein und möchte aber eigentlich so schnell wie möglich von da weg?

Die Suche nach dem eigenen Platz ist gar nicht so einfach. Kinder und Jugendliche wachsen heute unter einem immensen Druck auf, sich in der Leistungsgesellschaft zu etablieren. Die Spanne ist riesengroß und reicht von Kindern, deren Eltern nicht fähig sind, sie ins Leben zu begleiten, bis hin zu Kindern, deren Eltern ständig um sie kreisen, um nur ja jeden Schritt zu behüten. Das richtige Maß zu finden, fällt Eltern immer schwerer. Und doch ist eine liebevolle aber auch fordernde Erziehung das Wichtigste, um einen Platz im Leben zu finden. Auch dann Beruf und Familie zu finden und gut zu leben, bringt große Herausforderungen mit sich. Es braucht ein gesundes Selbstbewusstsein, um den richtigen Platz zu finden. Und schließlich das Älterwerden: wie groß wird da die Frage, wie man noch einen lebenswerten Platz behalten kann jenseits von Leistung und vielleicht ganz auf die Hilfe anderer angewiesen.

Es ist nicht leicht, den eigenen Platz zu finden, an dem man glücklich und zufrieden leben kann. Was kann uns da der letzte Ratschlag helfen, den Jesus gibt? Bei einem Essen nicht Freunde und Familie einzuladen sondern die Außenseiter der Gesellschaft? Ist das der Hinweis, doch möglichst schnell ein soziales Ehrenamt zu suchen, damit man vor Augen geführt bekommt, wie gut es einem geht? Auch da ist Berechnung und Sozialromantik vollkommen fehl am Platz. Es geht nicht darum, die Armen unserer Gesellschaft von oben herab zu betrachten und Almosen zu geben. Es geht um einen echten Blickwechsel. Die Suche nach dem eigenen Platz darf niemals isoliert von den anderen Menschen gesehen werden. Es geht nicht darum, nur das eigene Anspruchsdenken zu bedienen nach dem Motto, wo finde ich das bequemste und sicherste Auskommen? Sondern es geht in erster Linie darum: wie kann ich das, was mich ausmacht, Talente und Fähigkeiten, aber auch Materielles am besten für möglichst viele fruchtbar werden lassen? Natürlich tut es gut, sich mit Freunden und Familie zu umgeben, aber die Kraft, die mir das schenkt, kann ich dazu verwenden, mal zu sehen, was andere Menschen um mich herum so nötig brauchen. Empathie ist das gut klingende Fremdwort dafür, die Fähigkeit, sich in andere hinein zu fühlen.

Ich erlebe hier im Krankenhaus viele Menschen, die das vorbildlich leben, natürlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch viele Patienten. Es ist faszinierend zu sehen, wie so manche Schicksalsgemeinschaften entstehen. Menschen, denen es selber nicht so gut geht, kümmern sich um Bettnachbarn, die es noch ärger erwischt hat. Der Blick auf die anderen relativiert das eigene Leid und bewahrt davor, nicht nur um sich selbst zu kreisen. Es tut gut, für eine oder einen anderen da zu sein, auch wenn es viel Kraft kostet. Ein Blick auf die anderen bewahrt oft genug davor, die eigenen Ansprüche immer mehr nach oben zu schrauben. „Eigentlich geht es mir ganz gut“, höre ich dann oft, „es geht so vielen schlechter als mir.“

Der liebevolle Blick auf die anderen, so sagt uns Jesus, bringt uns seinem Reich näher. Der Platz im Leben kann nicht bestimmt sein von Äußerlichkeiten, von Eitelkeiten, der Platz im Leben ist immer abhängig von denen, die neben mir Platz gefunden haben. Dieser Blick bringt Seligkeit, sagt Jesus. Und so manchem Politiker würde dieser liebevolle Blick gut tun, dann müsste nicht über Todesstrafe, Waffenrecht und das Recht des Stärkeren diskutiert werden.

Ich lade Sie ein, sich für die nächste Woche ganz bewusst vorzunehmen, so manchen näheren Blick zu wagen auf die Menschen, die wir an den unterschiedlichsten Plätzen treffen. Sie sind von Gott geschickt, um uns als Nächste herauszufordern.

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2 Antworten auf Ein Blickwechsel lohnt sich – 22. Sonntag im Jahreskreis C

  1. Hubert Jacobs sagt:

    Die Auslegung des heutigen Sonntagsevangelium hat mir den richtigen Hinweis für meine Haltung zur Gesellschaft gegeben. Nur wenige Menschen können sich entschließen, einen Dialog zu führen, der zur Selbsterkenntnis führt und somit zur Besserung eines echten Zusammenlebens. Vieles könnte in Bibelgesprächen geklärt werden, um sein eigenes Leben zu reflektieren.
    Die Pastoralreferentin Frau Sabine Mader hat mir einmal mehr gezeigt, das es auch Frauen gibt, die sich in der Seelsorge bewährt haben so auch für die Predigt. Dieses Thema ist jetzt unumgänglich geworden.

  2. clara a sancta abraham sagt:

    Ich erlebe in der Kuranstalt, in der ich mithelfe, oft, dass ich gefragt werde, was die Kranken für einander tun könnten – was denn der richtige Platz sein könnte.
    Jeden Sonntag gibt es eine neue Anregung aus dem Evangelium dazu. Es ist schon viel, wenn wir beim Abendgebet mit – und für einander beten, das wird so oft unterschätzt! „Nur beten“ höre ich oft – da widerspreche ich oft!
    Einander bei den Mahlzeiten zuhören und die gleiche Geschichte öfters anhören – das ist wichtig und konkret. Dem Personal zulächeln, …..
    Immer wieder ergeben sich nach dem Gebet in der „Hoffnungsquelle“ (so heißt dieser Gebetsraum) gute und fröhliche Gespräche – die auch mich beschenken!
    Meine Situation ist eben eine leichtere, weil nicht akut Erkrankte dabei sind, aber eine dreiwöchge Kur kostet auch viel Kraft!

    Danke für Ihre Gedanken, Frau Mader!

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