Komm herab, o Heilige Geistkraft – Hochfest von Pfingsten

Zweite Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, Kapitel 12
Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache
3b Niemand vermag zu sagen: „Ich gehöre zu Jesus“ – es sei denn in der Geistkraft Gottes.
4 Es gibt Unterschiede in den geschenkten Fähigkeiten, doch sie stammen aus derselben göttlichen Geistkraft.
5 Es gibt Unterschiede in den Arbeitsfeldern, doch der Auftrag dazu kommt von ein und derselben Ewigen.
6 Es gibt Unterschiede in den Fähigkeiten, doch es ist derselbe Gott, der in allen alles in gleicher Weise bewirkt;
7 den Einzelnen offenbart sich die Geistkraft zum Nutzen aller.
12 Denn wie der Körper eine Einheit ist und doch viele Teile hat, alle Teile des Körpers also die Einheit des Körpers ausmachen, so verhält es sich auch mit Christus.
13 Wir alle sind durch den einen Geist zu einer leiblichen Einheit getauft worden, ob wir jüdische oder griechische Menschen sind, oder ob wir Unfreie (Sklavinnen und Sklaven) oder Freie sind – uns alle hat Gott eine Geistkraft trinken lassen.

Autorin:
_MG_7932-webBirgit Droesser, Pastoralreferentin, war tätig in der Gemeindeseelsorge, in der Klinikseelsorge und im Theol. Mentorat Tübingen

 
Die Predigt:
Komm herab, o heilige Geistkraft – Hochfest von Pfingsten

Liebe Leserin, lieber Leser,
in seiner Rede zur Verleihung des Aachener Karlspreises hat Papst Franziskus Europa eindringlich ermahnt, die Völker sollen sich ihrer Verpflichtung zur Einheit wieder neu vergewissern. Sie sollen sich daran erinnern, dass sie zur Humanisierung ihres jeweils eigenen Volkes berufen sind und damit einen unersetzlichen Beitrag leisten zur Humanisierung der ganzen Welt.

Die Selbstvergewisserung, die Papst Franziskus den europäischen Völkern ins Stammbuch schreibt, muss mindestens genauso für die Kirche gelten, die heute, am Pfingstfest ihren Geburtstag feiert. Sie, das heißt w i r, die getauften Christinnen und Christen, sind aufgerufen, uns wieder neu darauf zu besinnen, was wir in Wahrheit sind: Leib Christi. Wir sind keine Organisation in katholischer, evangelischer, orthodoxer und freikirchlicher Ausprägung, die einmal entstanden ist und wieder verschwinden kann, je nachdem wie erfolgreich ihr Beitrag für die Geschichte der Menschheit in der jeweiligen Zeit ist. Wir sind keine Partei und kein Verein, die einen bestimmten Zweck verfolgen, wo wir Mitgliedsbeitrag bezahlen und dafür Dienste in Anspruch nehmen können. Wir sind nicht Mitglieder, sondern durch die Taufe Glieder im Leib Christi in dieser Zeit, seine sichtbare Gestalt. Unsere gemeinsame Seele ist der Heilige Geist, oder besser gesagt: Die Heilige Geistkraft, die von Christus und vom Vater ausgeht. Im ersten Korintherbrief sagt Paulus es so: Wir alle sind durch den einen Geist zu einer leiblichen Einheit getauft worden, ob wir jüdische oder griechische Menschen sind, oder ob wir Unfreie oder Freie sind – uns alle hat Gott eine Geistkraft trinken lassen.

Lassen Sie mich kurz erläutern, weshalb ich mich mit der Bibel in gerechter Sprache für den Ausdruck „Heilige Geistkraft“ statt des gewohnten Begriffes „Heiliger Geist“ einsetze. Zum einen ist diese Formulierung näher am Ursprung: Das Erste Testament wurde in hebräischer Sprache niedergeschrieben. Dort heißt Geist ruach = Atem, Lebenshauch und ist ein weibliches Wort, d i e ruach . Das Zweite, unser Neues Testament wurde griechisch geschrieben. Dort wird das Wort pneuma verwendet und ist Neutrum, d a s pneuma; sinngemäß gehört auch dynamis dazu = Kraft, Schwung, Energie, d i e dynamis. Im Deutschen aber haben wir ein männliches Wort: D e r Geist. Und wenn wir von Vater, Sohn und Geist sprechen, so unterstützt unsere deutsche Sprache die verbreitete Vorstellung vom männlichen Charakter Gottes, obwohl wir doch wissen, dass kein Begriff Gott exakt fassen kann, sondern immer nur eine Annäherung ist. Gott ist größer als unsere Sprache, er ist weder männlich noch weiblich noch Neutrum. Er ist alles zugleich. Wenn wir mit Jesus „Vater unser“ beten, sagen wir eigentlich: Du, väterlicher Gott. Du Gott, bist wie ein Vater zu uns, wie der beste und einzige. Und wir dürfen zugleich wissen: Du bist auch wie die beste Mutter zu uns, so besorgt und zärtlich. Der Begriff „Heilige Geistkraft“ entspricht dem biblischen Urtext und fügt in unserer deutschen Sprache dem Gottesbegriff den weiblichen Akzent hinzu, wenn wir sagen: Ich glaube an Gott, d e n Vater, d e n Sohn und d i e heilige Geistkraft. Sind das nicht zwei überzeugende Gründe, die für diese Formulierung sprechen? Ganz wichtig finde ich, darauf zu achten, wie durch diesen Ausdruck neue Bedeutungsschichten in unser Denken und Beten einziehen, die unsere Spiritualität beleben. Es wäre sehr interessant zu wissen, wie Sie das empfinden.

Heute, am Pfingstfest, dürfen wir uns als Leib Christi in dieser Zeit feiern, in dem alle Glieder und Organe ihre eigene Funktion haben. Wie Paulus mit diesem Vergleich sagt, wird unsere Einheit miteinander und mit Christus durch die Heilige Geistkraft bewirkt. Jede und jeder hat die eigene Aufgabe und die Fähigkeit dazu von Gott. Deshalb gibt es keine Unterschiede in der Bedeutung. Niemand ist größer oder geringer, wichtig oder verzichtbar. Vielmehr leidet der ganze Leib, wenn ein Glied leidet. (Vers 26) Deutlicher kann man es kaum sagen, den wir alle wissen, wie krank ein Schnupfen machen kann oder ein Zahnschmerz. So leiden wir alle, auch wenn wir es nicht so direkt wie im Vergleichsbild vom Leib spüren, wenn Christen in der Gegenwart wieder verfolgt und bedroht werden. Und wir leiden auch a l l e darunter, wenn Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht werden, wenn Bestimmungen getroffen werden, aus wie fest gemauerten historischen Gründen, die Menschen ihre Berufung nicht leben lassen. Wir leiden an der Zurücksetzung der Frauen im kirchlichen Leben und wir leiden an der Zölibatsverpflichtung der Priester. Beides macht viele Menschen unglücklich und ist die Hauptursache für unseren bedrückenden Priestermangel. Solange die Hälfte der Glieder im Leib Christi mit ihren Begabungen nur teilweise angefragt und nicht vollständig ernst genommen wird, ist dieser Leib wie halbseitig gelähmt.

Wir alle brauchen die die Erneuerung durch die Heilige Geistkraft. Gottes Geist will uns zum Leben befreien und in einer Gemeinschaft der Gleichberechtigten vereinigen, die sich umeinander kümmern und die Liebe Gottes bezeugen und leben. Im ersten Korintherbrief mündet der Abschnitt über den Leib Christi und die Gaben der Heiligen Geistkraft im „Hohen Lied der Liebe“ (Kapitel 13): Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel… Nur wenn wir selber überzeugend sind und leben, werden wir Menschen für Christus gewinnen können, wie es unser Auftrag auch heute und morgen ist. Deshalb lasst uns bitten:

Komm herab, o Heilige Geistkraft,
die die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, (mater pauperum) die alle Armen liebt,
komm, die gute Gaben gibt,
komm, die jedes Herz erhellt.

Höchste Trösterin in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,

in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein, noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Amen. Halleluja. (auf lateinisch geschrieben um 1200)

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Komm herab, o Heilige Geistkraft – Hochfest von Pfingsten

  1. Walter sagt:

    …w i e hat d i e Hl.Geistkraft in den letzten 2000 Jahren für die Frauen in der (rk./orth.etc.) Kirche gewirkt ?
    … w a s hat sich – ausser deren „Exodus“ – geändert ?
    Aber vielleicht ist/war (?) gerade dies der Weg und die Wirkung der Hl. Geistkraft…

  2. clara a sancta abraham sagt:

    Es tut mir einmal mehr gut, diese Akzentuierung zu lesen.
    Gott ist beides für mich: einmal mehr Vater, einmal mehr Mutter – so wie jedes Kind brauche ich beide Elternteile.
    Das Weibliche an sich, ist aus meiner Beobachtung das „lebendigere, emotionalere Prinzip“ in unserer Gesellschaft, vielleicht auch „das mutigere Prinzip“.
    Diesem mehr Raum in unserer Kirche zu geben ist erstrebenswert. Vielleicht passieren dann mehr Fehler, aber dazu hat Papst Franziskus ja gleich am Anfang einmal ermutigt.

    Was diese Geistkraft wirkt? @ Walter:
    bei mir die Entschlossenheit, als Frau in dieser Kirche nicht aufzugeben, mir die Plätze zu suchen, die ergänzend! zum männlichen Priestertum sind, mich im Sinne des allgemeinen Priestertums (Vat 2) zu engagieren und alle! zu ermutigen, sich einzubringen am Leib Christi, der Kirche. Es gibt für uns Frauen so viel mehr Plätze, die wir einnehmen können seit dem Vat 2.
    Mir gefallen deswegen die Frauenpredigten so gut, weil da der andere Blick auf das Evangelium sichtbar wird.

    Frauen sind ein starkes Stück Kirche – das war einmal ein Slogan der katholischen Frauenbewegung. Als Referentin dort möchte ich den Frauen ihre möglichen Plätze zeigen, wie wertvoll es ist, dass sie da sind, sie mutiger als bisher machen, ihre Charismen zu leben. Allein unser selbst bewusstes So sein wird etwas bewirken.

    „Gottblüte Du öffnest Dich, Freudfarben leuchtest Du, tanzende Schönheit. Wohin Du auch willst, weht Dein Segen. Dein zärtlicher Trosthauch umgibt uns, Dein kreisender Atem bewegt uns, befreit uns zum Leben“ (Carola Moosbach, „Pfingstfrühling“).

    Ein erfüllendes, geist reiches Pfingsten wünsche ich &
    Happy Birthday, liebe Kirche!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>