Recht und Gerechtigkeit – 5. Fastensonntag C / Misereoraktion

Erste Lesung aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 43
16 So spricht der Herr, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch das gewaltige Wasser,
17 der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht.
18 Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
19 Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste.
20 Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.
21 Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.
 
Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 8
In jener Zeit 
1 ging Jesus zum Ölberg.
2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?
6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Autorin:
Utta-Hahn-2-150x150Utta Hahn, Gemeindereferentin, Landpastoral Schönenberg in Ellwangen

 
Die Predigt:
Recht und Gerechtigkeit

Liebe Leserin, lieber Leser,
Misereor-Sonntag – das ist ein Sonntag, der uns auffordert hinauszuschauen in die Welt und gleichzeitig auch den Blick von draußen auf uns hier zuzulassen. Mit aller Offenheit und Verbundenheit, die es in der Welt zwischen Menschen und Völkern geben kann.
 
Schauen wir hinaus in die Welt.
Misereor hat in diesem Jahr für die Fastenaktion Brasilien in den Focus gerückt. Ein Land, größer als wir uns vorstellen können, extrem in allem, was das Leben ausmacht.
Sao Paolo, eine Riesenstadt mit Millionen von Menschen, die von den Provinzen kommen, täglich, weil sie dort nicht mehr leben können oder Hoffnung auf bessere Chancen in der Stadt haben. Menschen, die keinen Wohnraum finden, sich mit Brettern und Plastikfolie ein Dach über dem Kopf bauen und dann Jahrzehnte so leben – Kinder, die in diesen Verhältnissen aufwachsen. Eine trockene Hütte oder eine kleine Wohnung in einem Hochhaus wäre die nötige Hilfe. Die Menschen sind arm, aber nicht würdelos. Für ein Leben in Würde mit Perspektiven für die Kinder – dafür setzt sich Misereor mit seinen Partnerorganisationen dort in Sao Paolo ein.
 
Oder ein anderes Beispiel: am Tapajós, einem Zufluss des Amazonas. Hier leben Menschen in kleinen Dörfern, auch indigene Gemeinden, auch andere. Sie leben arm an modernem Leben, aber reich und in Beziehung zur unmittelbaren Umwelt und Natur. Und sie leben gut. Doch ihre Dörfer, ihre Welt, ihre Natur ist in Gefahr, weil es Pläne gibt, den Fluss mit mehreren riesigen Staudämmen aufzustauen, um Strom zu erzeugen, der dann profitabel verkauft werden kann. Die Menschen am Fluss sollen mit ungewisser Zukunft zwangsumgesiedelt werden. Sie werden nicht gefragt. Wer steht hier an der Seite dieser Minderheiten, die mit ihrer Art zu Leben unseren Planeten wohl nie ausbeuten werden, deren Lebensstil nachhaltiger ist, als alles, was wir kennen? Auch dies eine Situation, in der Misereor die Organisationen unterstützt, die dort an der Seite der Menschen für den Erhalt ihres Lebensumfeldes und das Recht auf die eigene Kultur und Lebensweise eintreten.
 
Zwei Beispiele aus der weiten Welt und doch kommen sie uns ganz nah, wenn wir uns an ihre Seite stellen, wenn wir den Lesungen des heutigen Tages lauschen.
 
Die Propheten in Israel haben Unrecht und Ungerechtigkeiten beim Namen genannt. Sie haben den Mächtigen vor Augen geführt, wie weit sie sich von Gottes Gegenwart, seiner Liebe, seiner Treue und Gerechtigkeit entfernt hatten. Sie haben den Schwachen und Benachteiligten Mut und Zuversicht gebracht und den Hoffnungsbaum immer wieder neu gepflanzt. Sie haben diesen Gott, der sich auf die Seite der Kleinen und Armen stellt, verkündet.
 
Heute Jesaja:
So spricht Gott: Denkt nicht mehr an das, was früher war, auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht schauen. Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein. Merkt ihr es nicht?
 
Lassen wir diese Worte an uns heran.
Denkt nicht mehr an das, was früher war.
Denkt nicht mehr an die Hoffnungslosigkeit, an die scheinbare Übermacht derer, die Hass und Gewalt predigen.
Denkt nicht mehr an die Resignation.
Denkt nicht mehr daran, es sei alles zu spät und keine Rettung mehr in Aussicht.
Denkt nicht mehr daran, alles bleibe so wie es ist.
 
Es geht nicht darum, Geschehenes weg-zu-schweigen oder Unrecht nicht zu ahnden. Es geht nicht darum, Recht und Gesetz abzuschaffen. Wir brauchen das Recht, weil es uns hilft, möglichst allen in einer Gesellschaft ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Aber Recht und Gesetz sind noch nicht Gerechtigkeit. Und schon gar nicht Gottes Gerechtigkeit, der mit dem Maß der Barmherzigkeit misst. Und der sagen kann: Denkt nicht mehr an das was vergangen ist…
 
 
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein. Merkt ihr es nicht?

Gott selbst schenkt dem Volk den Neuanfang.
Gott selbst öffnet die Herzen und macht aus Gegnern Mitmenschen.
Gott selbst schaut nicht mehr auf seinen Zorn und wendet sich barmherzig jedem zu, der sich besinnt.
Gott selbst fragt nicht, woher und warum wir hier sind, wo wir sind, sondern schenkt neue Kraft und Zuversicht.
 
Merkt ihr es nicht? 
Ist das nicht genau Jesu Botschaft? Im Evangelium heute kommen die  Pharisäer zu Jesus, bringen ihm eine Frau, die als schuldig in die Mitte gestellt wird, und wollen ein Urteil von Jesus. Jesus urteilt nicht. Er sitzt und schreibt in den Sand.
 
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein. Merkt ihr es nicht?
 
Jesus macht wirklich etwas Neues. Er urteilt nicht. Recht und Gesetz unterstellt er Gottes Gerechtigkeit. Er will nicht Buchstaben erfüllen, sondern dem Menschen gerecht werden und erstaunlicherweise wird er nicht nur der Frau, sondern wohl auch den anderen gerecht.
 
Er wird der Frau gerecht, weil er sie nicht verurteilt, weil er nicht nach ihren Taten oder Erfahrungen fragt, weil er nicht zurückschaut, sondern ihr einen Neuanfang ermöglicht, ihre Würde achtet und voll Vertrauen ihr ein gutes Leben in Zukunft zutraut.
 
Seht das Neue – schon kommt es hervor. Merkt ihr es nicht? So wächst das Reich Gottes, das Jesus verkündet und lebt.
 
Und die Anderen? Sie wollen Jesus in eine Entscheidung für oder gegen das Gesetz zwingen und Jesus eröffnet ihnen einen ganz anderen Weg. Schaut nicht mehr auf das was vergangen ist. Seht her, ich mache etwas Neues. Schaut euch selbst an. Jeder von euch hat eine Geschichte und Geschichten wie die Frau in der Mitte. Wie viel erkennen wir in uns selbst?
 
Jesus ermöglicht den Männern, auf ihr eigenes Leben zu blicken, die eigenen Sehnsüchte und Verletzungen tiefer zu verstehen und vielleicht einen barmherzigen Blick auf sich selbst zu wagen. Dann ist es nicht mehr so weit, auch andere mit einem barmherzigen Blick anzuschauen.
 
Seht das Neue:  Wir können einander mit Respekt und Achtung und in Barmherzigkeit begegnen.
Merkt ihr es nicht? Da ist dann das Reich Gottes schon mitten unter euch.
Mitten unter uns.
  
Wie nah ist uns der Prophet Jesaia?
Wie nah sind uns die Frau und die Pharisäer, die bei Jesus stehen?
Wie nah sind uns die Menschen in Sao Paolo oder am rio tapajós?
 
Stellen wir uns zu Jesus und schauen ihm über die Schultern. Lassen wir uns darauf ein, einander nicht zu verurteilen, einzuteilen, sondern begegnen uns mit Respekt und Barmherzigkeit, damit die Zukunft lebendig und gut für alle wird.
 
Können wir mit Jesaia diesen barmherzigen Gott verkünden? Haben wir entdeckt, was er immer und immer wieder Neues schafft, und dass er uns die Hoffnung schenkt für ein Miteinander in Gerechtigkeit und Frieden?
 
Stellen wir uns an die Seite derer, die auf Hilfe angewiesen sind und unterstützen sie mittels Organisationen wie misereor? Ergebnis ist dann das, was der Prophet Amos verkündet, die Aussage, die Misereor als Leitmotiv für die diesjährige Fastenaktion gewählt hat: Das RECHT ströme wie WASSER und GERECHTIGKEIT wie ein nie versiegender Bach. Amos Kapitel 5, Vers 23
Amen.

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Eine Antwort auf Recht und Gerechtigkeit – 5. Fastensonntag C / Misereoraktion

  1. Walter sagt:

    Wirtschaftsfaschsismo brasiliano:
    seit 62 Jahren produzieren Deutschlands VW und Konsorten (nicht nur) in Sao Paolo/Brasilien.
    Unter den Augen der weitgehend katholischen Würdenträger haben sich über Jahrhunderte 10 % der Reichsten 45 % der Ressourcen des Landes unter die Nägel gerissen.
    Mit vatikanischer Unterstützung überschwemmten Nazi-SS mitsamt ihren Devisen Südamerika ( s.o.),ebenso wie Nahost/Türkei…
    Recht und Gerechtigkeit: Gott schweigt,und Jesaja dreht sich im Grabe um…
    NEIN – zu dem „weiter so“ !!!!

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