Den Visionen Gottes trauen – Taufe des Herrn C

Erste Lesung aus dem Buch Jesaja, Kapitel 42
So spricht Gott, der Herr:
1 Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; /
das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, /
er bringt den Völkern das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht /
und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht /
und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; /
ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, /
bis er auf der Erde das Recht begründet hat. /
Auf sein Gesetz warten die Inseln.
6 Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, /
ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, /
der Bund für mein Volk /
und das Licht für die Völker zu sein:
7 blinde Augen zu öffnen, /
Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, /
aus ihrer Haft zu befreien.

Autorin:
DSCF0098_0017-225x300Sabine Mader, Pastoralreferentin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, Klinikseelsorgerin im Klinikum Esslingen

 
Die Predigt:
Den Visionen Gottes trauen

Liebe Leserin, lieber Leser,
das ist so eine Sache mit gesellschaftlichen Erwartungen. Immer wenn es Menschen schlecht geht, werden sie anfällig für starke Persönlichkeiten, die ihnen versprechen, Probleme zu lösen. So gewinnen Sekten ihre Mitglieder, totalitäre Machthaber ihre Wähler, Despoten ihr williges Gefolge. Dass es dabei viele Opfer zu beklagen gibt, wird nur zu gern übersehen. Auch das Volk Israel sehnt in seiner bedrückenden Geschichte einen Retter herbei. Natürlich ist da die Hoffnung auch dabei, politisch zur Ruhe zu kommen, keine Exile und Fremdherrschaften mehr erleben zu müssen. Von Recht und Gerechtigkeit ist die Rede. Aber dieser Mensch – Knecht – Messias –der retten soll, wird nicht als großer Herrscher dargestellt. Wie wunderschön ist dieses Bild, das uns Jesaja geschenkt hat: das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Der, der Gerechtigkeit bringt, kümmert sich um die Schwachen, die Verletzten, die Gefangenen, die Blinden. Er schafft eine gerechte Gesellschaft, in der Menschen einander voll Liebe behandeln und sich verbunden fühlen durch diese gemeinsame Hoffnung.

Welch schöne Vision, die doch auch heute nicht wirklich mit der Realität übereinstimmt und damit meine ich nicht nur die vielen Staaten, in den Krieg, Verfolgung, Diktatur und Machtmissbrauch herrschen. Auch hier im vergleichsweise reichen und friedlichen Europa geht es für mich zutiefst unmenschlich zu. Unlängst habe ich im Internet von einer Bekannten, der es hier in Deutschland wirklich gut geht, zwei Bilder zugeschickt bekommen: ein Bild mit einem abgemagerten kranken schwarzen Menschen mit dem Untertitel „diesen Menschen wollen wir helfen“. Und ein Bild mit Flüchtlingen, die Transparente tragen mit der Bitte um Solidarität, diesmal mit dem Titel: „diesen Menschen müssen wir nicht helfen“. Ich war ganz ehrlich geschockt, als ich gesehen habe, wie viele Menschen diese Bilder schon geteilt haben. Für mich verraten wir damit unsere christliche Vision eines Reiches, in dem jedem Menschen die gleiche Liebe, die gleichen Rechte zugebilligt werden.

Ich bin sehr traurig, wenn ich sehe, wie wenig an solchen Visionen in unserer Gesellschaft oft spürbar wird: Verbitterung, Neid, die Angst, zu kurz zu kommen, lassen Menschen hart werden gegenüber ihrem Nächsten. Natürlich gibt es auch bei uns viel an Ungerechtigkeit. Gerechtigkeit zu schaffen, ist unsere Aufgabe, aber es darf meiner Meinung nach nie geschehen ohne den liebenden Blick, den uns unser Gott persönlich vorgelebt hat.

Diese wunderschöne Verheißung des Jesaja und auch die Verheißung, die Johannes der Täufer in seinem Wirken lebendig werden lässt, stellen auch diese Anfrage an uns: glauben wir eigentlich noch daran, dass alles gut werden kann? Dass dieser liebende Gott auch uns mit dem Heiligen Geist und mit Feuer stärkt?

Zugegeben, es gibt Situationen im Leben, da fällt es wirklich schwer, wie ich es z.B. als Klinikseelsorgerin im Krankenhaus erlebe, wenn Leben durch Krankheit oder die Aussicht auf den nahen Tod durchkreuzt wird. Aber besondere dann gilt sie umso mehr diese Zusage: das geknickte Rohr wird nicht zerbrochen. Oder wie es ein zeitgemäßer Spruch auch sagt: „am Ende wird alles gut und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ Gott hat immer das letzte Wort, Gott kann jede Situation verändern, nicht immer in einer offensichtlich körperlichen Heilung, aber immer mit Momenten, in denen man das Gefühl hat, der Himmel sei offen.

Irgendwie beschäftigt mich dieser Gedanke nun schon seit Tagen: ist Hoffnung oder die Vision des Guten nicht mehr zeitgemäß? Sind wir so modern geworden, dass wir nur mehr das realistisch Mögliche erhoffen? Und verhindern wir nicht genau damit Veränderung, Heil, Heilung, Licht? Ich habe mir vorgenommen, wieder offener zu werden für die Möglichkeiten Gottes, mich nicht mehr so einfangen zu lassen von den Realitäten. Wieder mehr meinen Visionen zu trauen. Gott kann heute und hier noch immer seinen Geist schicken und lebendiges Feuer entfachen. Wir dürfen es nicht verhindern mit unserer Kleingläubigkeit und unserem Gefangensein. Die Zusage gilt für jeden von uns: Du bist meine geliebte Tochter, Du bist mein geliebter Sohn, ich will, dass Du heil wirst und im Licht lebst, hier auf Erden und erst recht dann, wenn Du im Sterben in meiner Ewigkeit geborgen bist.

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