Farbe bekennen – Palmsonntag B

Aus dem Evangelium nach Markus, Kapitel 11
1 Als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage und Betanien am Ölberg, schickte Jesus zwei seiner Jünger voraus.
2 Er sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; gleich wenn ihr hineinkommt, werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat. Bindet ihn los, und bringt ihn her!
3 Und wenn jemand zu euch sagt: Was tut ihr da?, dann antwortet: Der Herr braucht ihn; er lässt ihn bald wieder zurückbringen.
4 Da machten sie sich auf den Weg und fanden außen an einer Tür an der Straße einen jungen Esel angebunden und sie banden ihn los.
5 Einige, die dabeistanden, sagten zu ihnen: Wie kommt ihr dazu, den Esel loszubinden?
6 Sie gaben ihnen zur Antwort, was Jesus gesagt hatte, und man ließ sie gewähren.
7 Sie brachten den jungen Esel zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Tier und er setzte sich darauf.
8 Und viele breiteten ihre Kleider auf der Straße aus; andere rissen auf den Feldern Zweige von den Büschen ab und streuten sie auf den Weg.
9 Die Leute, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna! / Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!
10 Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, / das nun kommt. / Hosanna in der Höhe!

Autorin:
C-Bettin-komprimiert-200x300Christina Bettin, Gemeindereferentin in der Gemeinschaft der Gemeinden Mönchengladbach – Süd im Bistum Aachen

 
Die Predigt:
Farbe bekennen

Liebe Leserin, lieber Leser,
das heutige Fest, Palmsonntag, Einzug Jesu in Jerusalem, ist uns sicher allen sehr vertraut. Beim Lesen oder Hören der Schriftstelle spielt sich vor meinem inneren Auge eine anschauliche Szene und ein buntes Spektakel ab. In manchen Gemeinden, auch in meiner, gibt es noch Palmprozessionen, bei denen Kinder mit geschmückten, bunten Buchsbaumbüscheln durch die Straßen ziehen. Daher nähren sich vielleicht meine Bilder, wie da Jesus vor über 2000 Jahren auf einem Esel in die Stadt Jerusalem hineinreitet; wie die Menschen ihm zujubeln; auch Unbeteiligte sich von der Euphorie anstecken lassen; alle zusammenlaufen, um zu sehen, was sich da ereignet; Zweige von den Bäumen abreißen; Jesus zuwinken und Kleider wie einen Teppich vor ihm ausbreiten; ihm einen freudigen Empfang bereiten. Alte und Junge, Kinder und Greise, Männer und Frauen, Anhänger, Sympathisanten und Skeptiker, vielleicht im Hintergrund auch ein paar Schriftgelehrte, Pharisäer und Synagogenvorsteher und auch Soldaten der römischen Besatzer. – Diese Bilder drängen sich mir einfach auf und ich höre gleichsam auch die Stimmen und Hochrufe dabei: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn!“

In dieser Szene, ob die Überlieferung nun historisch ist oder nicht, sei mal dahingestellt, möchte ich Ihren Blick heute auf die Farben lenken. Sicherlich, es ist ein buntes Treiben, doch eine Farbe sticht besonders ins Bild, das ist das Rot!

Betrachten wir einmal die verschiedenen Bedeutungsnuancen dieser Farbe.

Purpur war ja langezeit das edelste und leistungsstärkste Farbmittel in diesem Farbbereich, man gewann es sehr aufwändig aus echtem Schneckenpurpur und es war sehr teuer. Daher galt es als Farbe höchster Würdenträger, Autorität und Herrschaft.

Rot als Farbe der Herrschaft und Macht, denn die Menge jubelte ja ihrem – vermeintlichen – König und Befreier zu, auch wenn sich ihre Vorstellungen so gar nicht mit dem decken, was sich später ereignen wird. Und doch, wir hören es bei Markus im 14. (14, 62) und 15. Kapitel (15,2): Jesus sieht sich zur Rechten der Macht sitzen und mit den Wolken des Himmel kommen – und ja, er ist ein König. Jesus ist also einer, dem Ehre gebührt, bei dem Rot, angemessen ist. – Heute erweisen wir immer noch Würdenträgern bei Staatsbesuchen die Ehre, in dem ein roter Teppich für sie ausgelegt wird und auch bei Preisverleihungen wie dem Film-Oskar, schreiten die Kandidaten über einen solchen Teppich.

Rot ist auch eine energiegeladene Farbe. Lava, Glut und Feuer fallen mir ein. Dieser umjubelte Einzug in die Hauptstadt stellt nämlich so etwas wie einen kraftvollen Wendepunkt dar. Jesus wird noch viel deutlicher in seiner Sendung und auch provokanter, siehe die Tempelreinigung (in Mk 11,15-19). Er bewegt sich nicht mehr nur am Rande, sondern wird unangenehm für die etablierte Wertordnung, in der sich alle, auch die Frommen Israels, so bequem eingerichtet haben. Matthäus schreibt es in seinem Evangelium sehr drastisch: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Auch wenn diese Haltung zu manch seichtem, pazifistischem Jesusbild nicht so recht passen will, finden sich doch auch diese klaren Worte im Evangelium. Ich sehe sie im Zusammenhang mit „Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein“ (Mt 5,37) Um Klarheit und einen überzeugten, festen Standpunkt geht es Jesus meiner Meinung nach. Mit einer zaghaften Haltung des „Vielleicht“ in Glaubensdingen oder einem Anbiedern ans Establishment der weltlichen Machthaber, kann Jesus nichts anfangen.

Rot ist eine Signalfarbe. Sie warnt uns. Sie bedeutet „Achtung! Stopp! Gefahr!“ Von daher ist Rot auch die Farbe des Blutes. Wo Blut fließt, da sind Wunden, da sind Verletzungen, da ist der Tod nicht weit. – Schon in derselben Liturgie des Palmsonntags bedenken wir die Verhaftung Jesu, seine Passion, den Kreuzweg und schließlich seinen Tod. Wo Blut fließt, da lässt jemand sein Leben. Ich denke es war die naheliegende Konsequenz seines provokanten und eindeutigen Lebensstils. Mit seiner Botschaft ist Jesus dermaßen angeeckt, dass er zu unbequem wurde und aus dem Weg geräumt werden musste. Dafür nimmt er den Tod in Kauf und eröffnet uns allen einen Weg zum Leben.

So etwas wie Jesus mit seinem Weg zum Kreuzestod, kann man nur durchhalten, wenn man sich voll Liebe getragen fühlt! Von daher auch Rot als Farbe der Liebe! – Verliebte malen überall rote Herzchen hin. Diese aufregende, prickelnde, belebenden Gefühle sind einfach Rot. – Jesus gibt sein Leben für die Freundinnen und Freunde, für uns, weil er uns liebt und sich unendlich geliebt fühlt von Gott. Ein mitreißendes, belebendes Gefühl. Sein Herz brennt für Gott und lässt sich durch nichts beirren. Die Liebe ist stärker als Verrat und Verleugnung oder Folter und selbst stärker als der Tod. Das bestätigt sich drei Tage später, nach der dunklen Todeserfahrung und Grabesruhe: Auferstehung, Neues Leben!

Ich finde es spannend zu entdecken, was alles in einer einzigen Farbe drin steckt. Es ist allemal der Mühe wert, da genauer hinzuschauen. So möchte ich meinen, dass die liturgische Farbe Rot an diesem Fest all diese verschiedenen Bedeutungsnuancen wunderbar miteinfängt und bündelt. Rot ist hier die „Herz-Blut-Farbe“! Denn es wird deutlich, dass Jesus beim umjubelten Einzug in Jerusalem und bei der folgenden Passion zeigt, wofür sein Herz schlägt: Die radikale Botschaft der Liebe Gottes.

Auch wir sind bei der Mitfeier und beim Bedenken des Schrifttextes eingeladen, uns zu vergewissern, wofür unser Herz schlägt. Was hat oberste Priorität in meinem Leben? Wofür setze ich mich ein? – Mir persönlich hilft dabei schlicht, meinen Tages- oder Wochenablauf in den Blick zu nehmen: Wie starte ich in den Tag? Was sind meine Themen? Wie bewusst gestalte ich meine Zeit? Welchen verschiedenen Menschen begegne ich dabei? Am Frühstückstisch? In meiner Familie? Am Arbeitsplatz? Unter Kolleginnen und Kollegen? Auf dem Weg zur Arbeit? Im Straßenverkehr? Im Bus? Beim Einkaufen an der Kasse? In der Freizeit? Im Verein? Beim Sport? Am Wochenende? … Wofür schlägt bei all dem mein Herz?

Mit dem Palmsonntag beginnen wir die Karwoche, die „Stille Woche“. Nehmen wir sie als Einladung, uns neu auszurichten, bekennen wir Farbe für Gottes Botschaft der Liebe zu allen Menschen. Und ich vertraue darauf, dass es abfärbt auf andere.

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