Die Menschengemeinschaft als bleibende Aufgabe – Fest der Darstellung des Herrn am 2. Februar

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 2
22 Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen,
23 gemäß dem Gesetz des Herrn, in dem es heißt: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein.
24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
25 In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Rettung Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe.
27 Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war,
28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, / wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen, /
31 das du vor allen Völkern bereitet hast,
32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, / und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.
34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird.
35 Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
36 Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt;
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
38 In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit und seine Gnade ruhte auf ihm.

Autorin:
Marita Rings – Kleer, Gemeindereferentin in der Gemeinde St. Josef, Saarbrücken, Bistum Trier

 
Die Predigt:
Die Menschengemeinschaft als bleibende Aufgabe

Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn in den Nachrichten Gruppenbilder von Staatschefs oder Ministern zu sehen sind, müssen wir feststellen, dass immer noch nur wenige Frauen in diesen Riegen der Mächtigen zu finden sind. Der partnerschaftliche und gleichberechtigte Umgang von Frauen und Männern ist dort oben vielleicht schon angekommen, aber noch nicht wirklich umgesetzt. Denn noch immer stoßen wir in den Machtzentren der Welt auf eine große Zahl von Männern und eine kleine Zahl von Frauen. Gleichberechtigung ist mühsam und wenn sie geschieht, dann eher von unten nach oben und oft unter Druck der Lebensumstände. Frauen müssen mitarbeiten, um das Familieneinkommen mit zu sichern. Frauen müssen arbeiten, weil es viel zu wenig männliche Fachkräfte gibt und sie einen Mangel ausgleichen. Nur zwei Beispiele dafür, dass die Gleichbehandlung von Männern und Frauen keineswegs der Einsicht entspringt, Frauen den Platz in der Gesellschaft zuzugestehen, der ihnen auch gebührt.

So ganz anders liest sich da der alte Text aus dem Lukas-Evangelium:
das junge Paar, geht mit seinem Kind in den Tempel. Ganz selbstverständlich gehen Maria und Josef gemeinsam dorthin und nicht nur Josef allein. Und fast ebenso selbstverständlich treffen sie dort auf einen Mann und eine Frau, die in dem kleinen Säugling den verheißenen Messias erkennen.

Bei uns hätte es ganz leicht auch anders sein können: in katholischen Familien früherer Zeit hat der Vater das neugeborene Kind schon sehr bald nach der Geburt zwecks Taufe zu einem Priester gebracht. Die Mutter war zu diesem Zeitpunkt in der Regel noch viel zu schwach, um sich an der Taufzeremonie zu beteiligen.

Doch bei Jesus ist es so: Mutter und Vater kommen in den Tempel, um das vorgeschriebene Reinigungsopfer zu vollziehen. Im Judentum galt die Frau nach der Geburt eines Kindes als unrein und konnte erst durch Waschungen und eben das Opfer wieder „rein“ werden. Sie ist also selbst Teil der Zeremonie. Zu diesem Opfergang brachten beide nun auch das Kind mit in den Tempel, um es dort „darzustellen“, d.h. Gott zu übergeben. Und sie treffen dort auf einen Propheten und eine Prophetin, mehr Gleichberechtigung kann in einem Bibeltext schon gar nicht mehr sein.

Und dabei sind die beiden alten Menschen die letzten in einer bunten Reihe von Besuchern, die auf das neugeborene Kind treffen. Die ersten sind die Hirten vom Felde, die zum Stall eilen. Auch hier Männer und Frauen und Kinder. Die nächsten, von denen wir lesen, sind die drei Sterndeuter aus dem Osten. Auch sie huldigen dem Kind. Und schließlich Hanna und Simeon. Eine bunte Schar, aber vor allem eine repräsentative Schar. Denn bei genauerem Hinsehen versammelt sich in diesen wenigen Menschen die ganze Menschheit:
Die Hirtinnen und Hirten: sie stehen für die, die am Rande leben. Für die Armen, Schwachen, Ungebildeten. Für die, die hart arbeiten ohne faire Löhne zu erhalten, für die, die ausgebeutet werden und die zuweilen auch hungern müssen. Für all die vielen, die unter den unzähligen Ungerechtigkeiten dieser Welt leiden.
Zu ihnen gesellen sich die genau anderen: die Reichen und Gebildeten. Sie kommen aus dem Osten. Heute wären sie Muslime, damals weise Gelehrte, deren Glaube in der Götterwelt ihrer Heimatländer verankert war. Und die Volksfrömmigkeit hat aus ihnen intuitiv Vertreter verschiedener Hautfarben gemacht. Schwarz, weiß, arabisch, vielleicht sogar asiatisch.

Und schließlich knien die Alten vor dem Kind, als Mann und Frau knien sie vor Jesus. Fast klingt es so, wie im Schöpfungsbericht, der in dem Satz seinen Höhepunkt findet: Gott schuf den Menschen, als Mann und Frau schuf er ihn.
Doch nicht nur das: sie stehen auch für das Judentum, für die zwölf Stämme Israels, für die lange wechselhafte Geschichte des Volkes und für ihre große und traditionsreiche religiöse Praxis. Bei Hanna wird dieser Bezug sogar durch die Nennung der Stämme bekräftigt, ganz besonders durch den Stamm Ascher.

Mit dem Fest Darstellung des Herrn, im Volksmund „Maria Lichtmess“, endete früher die Weihnachtszeit und auch heute gibt es noch viele Menschen, die ihre Weihnachtsdekoration bis Anfang Februar stehen lassen. Das Ende der Weihnachtszeit an Maria Lichtmess war nicht nur das Ende einer Festzeit, es ist immer noch auch ein schönes Zeichen. Ein Symbol das sagt: die Weihnachtszeit dauert solange an, bis alle, die ganze Menschheit, vor dem Kind ihr Knie gebeugt haben.

Und tatsächlich: die ganze Menschheit war da: junge und alte Menschen, Arme und Wohlhabende, Menschen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften genauso wie Juden, Frauen und Männer partnerschaftlich nebeneinander, kluge und einfache Leute, Verheiratete und Unverheiratete, Waisen und Witwen, einfach alle! Alle kommen vor Jesus zusammen und Jesus sieht sie alle an und sagt ihnen allen zu:
jede und jeder von euch ist mir wichtig, für jeden und jede bin ich gekommen und ich will das Leben eines Menschen hell machen. Ich will es erleuchten und ich will das Licht aller sein, ein Licht für alle Völker, das Licht der Welt.

Wäre es also nicht schön, wenn auf den Fotos, die uns so abends in den Nachrichten ins Haus flattern, Menschen aus der ganzen Welt vertreten wären und nicht nur die Klugen, Mächtigen und Reichen? Wäre es nicht schön, wenn sich überall auf der Welt Menschen auf Augenhöhe begegneten und sich respektierten, so wie sie sind?

An der Krippe vor dem Jesuskind war es möglich und im Tempel schafften Hanna und Simeon es auch noch, aber dann zerbrach die Menschengemeinschaft wieder und ist seitdem eine immerwährende Aufgabe. Wie schwer diese Aufgabe auch heute im Zeitalter von „Gleichberechtigung“ und „gleicher Würde für alle“ noch ist, das haben wir alle in den letzten Wochen wieder schmerzlich erleben müssen.

Und solange das so ist, lässt Gott uns alle jedes Jahr neu vor dem Kind in der Krippe das Knie beugen. Solange bis wir es alle verstanden haben!

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