Wissen und Liebe – Zum Gedenktag der Hl. Hildegard von Bingen am 17. September

Lesung aus dem Buch der Weisheit, Kapitel 8
1 Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem Ende zum andern / und durchwaltet voll Güte das All.
2 Sie habe ich geliebt und gesucht von Jugend auf, / ich suchte sie als Braut heimzuführen / und fand Gefallen an ihrer Schönheit.
3 Im Umgang mit Gott beweist sie ihren Adel, / der Herr über das All gewann sie lieb.
4 Eingeweiht in das Wissen Gottes, / bestimmte sie seine Werke.
5 Ist Reichtum begehrenswerter Besitz im Leben, / was ist dann reicher als die Weisheit, die in allem wirkt?
6 Wenn Klugheit wirksam ist, / wer in aller Welt ist ein größerer Meister als sie?

Autorin:
Walburga_2009Walburga Rüttenauer – Rest, Bensberg, verheiratet, drei Kinder, Grundschullehrerin, nach der Pensionierung Ausbildungskurs zum Diakonat der Frau, diakonische und liturgische Aufgaben in der Pfarreigemeinde

 
Die Predigt:
Wissen und Liebe

Liebe Leserin, lieber Leser,
wir feierten am 17. September das Fest der Heiligen Hildegard. Erst 2012 wurde sie heilig gesprochen und zur Kirchenlehrerin erhoben, obwohl sie sofort nach ihrem Tod vom Volk als Heilige verehrt wurde. So habe ich mich entschlossen, statt die Texte zum 25.Sonntag im Jahreskreis zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen zu nehmen, Ihnen diese Frau und ihre besondere Art der Verkündigung vorzustellen, die unserer Kirche auch heute noch gut täte.

Hildegard wurde 1098 am 17. September als zehntes Kind ihrer Eltern geboren. Sie starb 1179, wurde also 81 Jahre alt, was in der damaligen Zeit selten vorkam. Vielleicht lebte sie nach der Heilkunde, die sie aus ihren Naturbeobachtungen gewonnen hatte und die noch heute sehr geschätzt wird. Schon als Kind sah sie mehr als andere Menschen. Wenn sie von ihren Bildern erzählte, stieß sie oft auf Unverständnis. So sprach sie immer seltener davon. Erst als Erwachsene fing sie an, auf Gottes Geheiß, wie sie später sagte, ihre empfangenen Visionen und Einsichten niederzuschreiben und malen zu lassen. Sie, die sich „ungelehrt“ und „armselig“ nannte, war in Wahrheit eine hoch begabte, ja geniale Frau. Ihr erstes Buch nannte sie Sci-viasWisse die Wege (Gottes).

Sie stand in Briefwechsel mit Päpsten und Königen; aber auch arme und einfache Menschen suchten bei ihr Rat und Hilfe. Offenheit für die Fragen und Nöte der Welt und tiefe Gottverbundenheit waren für sie keine Gegensätze. Immer lebte sie im Licht Gottes; ihn fand sie in allen Dingen wieder: unter anderem in den Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen und Sternen. Wir, die wir unter der Zerstörung der Schöpfung nur zu oft leiden und ratlos zuschauen, könnten bei Hildegard neue Kraft finden, um die Schöpfung in unserem Umfeld zu schützen.

Sie wurde erst im Jahr 2012 heilig gesprochen, denn sie gehorchte nicht immer den Anordnungen des Vatikans sondern ihrer inneren Stimme. Zwei Jahre lang z.B. durfte kein Priester in ihrem Kloster die Eucharistie feiern. So hatte es der Papst angeordnet, weil Hildegard einen Selbstmörder auf ihrem Konventfriedhof beerdigt hatte. Sie feierte mit ihren Schwestern weiterhin das Stundengebet und selbst entworfene Gottesdienste, bis der Vatikan nachgab. Auch heute, 900 Jahre später, hat sie uns noch viel zu sagen, nicht nur in der Heilkunde, sondern mit ihrer besonderen Art von Verkündigung.

Darum habe ich eines ihrer Visionsbilder ausgesucht, das nicht nur uns Frauen viel zu sagen hat. In der Liturgie zum Fest der Heiligen Hildegard finden wir folgende Lesung:
Aus dem Buch der Weisheit(8,1-6)
1 Machtvoll entfaltet sie (die Weisheit) ihre Kraft von einem Ende zum andern und durchwaltet voll Güte das All.
2 Sie habe ich geliebt und gesucht von Jugend auf, ich suchte sie als Braut heimzuführen und fand Gefallen an ihrer Schönheit.
3 Im Umgang mit Gott beweist sie ihren Adel, der Herr über das All gewann sie lieb.
4 Eingeweiht in das Wissen Gottes, bestimmte sie seine Werke.
5 Ist Reichtum begehrenswerter Besitz im Leben, was ist dann reicher als die Weisheit, die in allem wirkt?
6 Wenn Klugheit wirksam ist, wer in aller Welt ist ein größerer Meister als sie?

Diese Lesung lässt sich besonders gut mit einer Vision der Heiligen Hildegard erschließen. Sie sehen hier ein Bild, das eine der vielen Visionen wiedergibt. Hildegard hat einem Mönch, der gut malen konnte, ihre Visionen beschrieben und zugeschaut, ob er sie richtig wiedergegeben hat. Besonders die Farben mussten mit ihrem inneren Bild übereinstimmen.
vision-der-hl-hildegard In Visionen lässt Gott manche Menschen etwas von seinem Wesen erfahren, das eigentlich unseren menschlichen Verstand übersteigt. Es ist nicht erstaunlich, dass er sich dabei der Bilder bedient, die dem Menschen einleuchten, die er versteht. In jeder Zeit waren und sind solche Bilder anders, weil sich die Sehweise der Menschen ändert. Wenn wir uns heute das Weltall vorstellen, sieht es anders aus, als der Sternenhimmel auf diesem Bild. Trotzdem sind die Aussagen dieser Bilder auch heute verstehbar und gültig, was wir von manchen Texten der großen Theologen aus früherer Zeit nicht sagen können.
Hildegard selbst schreibt zu diesem Bild:
Damit du Mensch, das Geheimnis der Menschwerdung tiefer erfassest und offener kundtuest, schaust du einen sehr großen hellen Glanz, der wie in zahllosen Augen flammt und seine vier Winkel nach den vier Himmelsrichtungen richtet. Dieser Glanz bedeutet das Wissen Gottes, groß in seinen Geheimnissen und rein in seiner Kundgebung.

Der erste Satz der Lesung lautet: Machtvoll entfaltet die Weisheit ihre Kraft von einem Ende zum andern und durchwaltet voll Güte das All. Eine Weisheit, die das All voll Güte durchwaltet, kann nur die Weisheit Gottes sein. In Hildegards Vision stellt sich diese Weisheit mit zwei Eigenschaften vor. Sie spricht zunächst von dem Wissen Gottes. Es wird hier dargestellt durch ein goldenes Quadrat mit vielen Augen. Die Ecken des Quadrates berühren die Grenzen des Weltalls (Lesung: von einem Ende zum anderen) dargestellt durch den Sternenhimmel. Die vielen Augen stehen für Gottes unermessliches unvorstellbares Wissen.

Die zweite Eigenschaft Gottes ist seine unermessliche Liebe, dargestellt durch das etwas hellere breite Band, welches das göttliche Quadrat durchquert. In dem Band sind keine Augen, sondern viele kleine rote Kreise zu sehen. Hildegard deutet sie als Feuerkugeln der Liebe. Wissen und Liebe zusammen ergeben die Weisheit, von der wir in der Lesung gehört haben.

Schauen wir noch einmal auf das Bild.
Fast am Ende des Bandes erkennt man einen Menschenkopf = Christus, die menschgewordene Liebe Gottes zu uns. Durch die Menschwerdung seines Sohnes wurde diese unermessliche Liebe oder Güte den Menschen erfahrbar gemacht.

Für Hildegard hat jede Empfängnis und jede Geburt etwas mit dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus zu tun. Hier ist also nicht Maria, wie man zunächst vermutet, mit ihrem Kind dargestellt, sondern jede Frau, die empfangen hat und die ein Kind zur Welt bringen wird. Aus dem Liebesband senkt sich eine Nabelschnur gleich einem goldenen Schlauch auf das Kind im Mutterleib. Eine der Feuerkugeln göttlicher Liebe dringt auf diesem Weg in den Kopf und das Herz des kleinen Menschleins. Sie erfüllt den ganzen Körper mit Leben aus der Liebe Gottes. Im Leib jeder schwangeren Frau, so sieht es Hildegard, vollzieht sich Menschwerdung d.h. mit jedem Kind, das geboren wird, kommt Gottes Liebe zur Welt.

Zurück zum Bild:
Am Rand des Weges, den die Liebe Gottes zu dem Kind im Mutterleib nimmt, stehen viele Menschen, die Schalen mit großen Kugeln, verschiedenste Gaben tragen: Jeder Mensch wird in eine Gemeinschaft hineingeboren. Wir alle tragen dazu bei, auf welche Weise die Kinder um uns herum aufwachsen, wie sie sich entfalten können. Wir tragen gleichsam durch unsere persönliche Aufmerksamkeit, Achtung, Zuneigung und so fort, die wir den Kindern schenken, diese als Gaben an sie heran, jeder Mensch auf seine besondere Art. Heute sprechen wir meistens von Vererbung und vergessen dabei, dass das menschliche Umfeld fast eben so wichtig im guten wie im schlechten Sinne ist. Manchmal sind diese Gaben auch vergiftet. Der Teufel im Bild hinten, der einen giftigen Pilz in die Schale legt, stellt es eindrucksvoll dar. Doch das Feuer göttlicher Liebe gibt dem Menschenkind die Möglichkeit, damit fertig zu werden.

Das Quadrat mit den Augen, welches für das Wissen Gottes steht und das Band mit den kleinen Feuerkugeln, welches Gottes Liebe darstellen soll, sind nur zwei Möglichkeiten etwas von Gottes Wirken sich vorzustellen. Hildegard sieht in ihren Visionen immer nur Teilansichten von Gott. Unser menschlicher Verstand und unser Herz, als Zentrum aller Gefühle und Empfindungen, sind nicht in der Lage, Gott in seiner Fülle zu erfassen. Er wäre nicht Gott, wenn der endliche Mensch ihn ganz erfassen könnte. Doch Gott schenkt jedem Menschen eine je eigene göttliche Erfahrung. Diese Erfahrungen sind so verschieden, wie es Menschen auf der Erde gibt. Es liegt an uns, unsere Erfahrung wahrzunehmen und in uns wirken zu lassen. Das hat Hildegard auf einzigartige Weise uns vorgelebt. Sie hat ihre Begabung, Unaussprechliches in Bilder zu fassen, nicht als ihre Leistung gesehen, sondern als von Gott geschenkte Visionen erlebt, mit der sie den Menschen etwas von Gott verkünden konnte, was sich nicht in menschliche Worte fassen lässt.

Wie armselig sind dazu die Ausführungen des Kirchenlehrers Thomas von Aquin zum Thema Menschwerdung. Er ließ sich nicht von Gott geschenkten inneren Bildern leiten, sondern lieh sich bei einem heidnischen Philosophen, Aristoteles, Worte und Schlussfolgerungen, um das Geheimnis Gottes in menschliche Sprache zu fassen. So entstand bei ihm ein – farbloses – Gottes- und Menschenbild, welches sicherlich einen Teilaspekt Gottes einfing, aber gleichzeitig zu einem falschen Menschenbild, vor allem Frauenbild führte. Die Aussagen, die Thomas von Aquin zur Frau machte, sind medizinisch falsch und tief verletzend. Er hatte nicht die Kenntnis der modernen Medizin aber er hat die Lektüre eines heidnischen Philosophen eindeutig der Lektüre des Neuen Testamentes vorgezogen. Hildegard lebte 200 Jahre vor ihm und trotzdem sind ihre Aussagen auch heute noch von Bedeutung und von theologischer Richtigkeit.

Über Jahrhunderte hinweg wurde die Kirche durch die Aussagen des Thomas von Aquin irregeleitet und wird auch heute noch davon geprägt, während die Bilder und Texte, die Hildegard uns hinterließ, von der männlichen Theologie selten wahrgenommen werden. Ein Grund, warum wir Frauen uns zu diesem Predigtprojekt zusammengefunden haben, liegt darin, dass wir heute wissen, das unsere Art, die Welt zu sehen und biblische Texte auszulegen nicht falsch sondern anders ist. Wenn den Frauen die Möglichkeit gegeben würde, in der Liturgie auch das Wort zu ergreifen, würde das ein großer Gewinn für die Kirche sein.
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Quellenangabe: Otto Betz, Hildegard von Bingen S. 80 Kösel/München 1996. Das Bild ist auch dort abgedruckt. Betz gibt dazu als Quelle an: Hildegards Scivias, Otto Müller Verlag Salzburg

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Eine Antwort auf Wissen und Liebe – Zum Gedenktag der Hl. Hildegard von Bingen am 17. September

  1. Verena Schmidpeter sagt:

    Wunderbar!!! Danke,dass Sie auch daran arbeiten Hildegard von Bingen den richtigen Platz in der Kirhenpraxis einzuräumen. Ich beschäftige mich seit 18 Jahren mit dem Buch „Die Psychotherapie der Hildegard von Bingen“ und habe die 35 Tugenden in zwei Bilderzirkeln gemalt, weil ich ihre Kraft spüren wollte um mich herum. Die ersten kleineren 35 Bilder hängen in meinem Engelzimmer und warten auf Menschen, die gerne Heilung und inneres Wisen erfahren möchten. Den zweiten Kreis größerer Bilder stelle ich gerade im Hildegard-Garten in 91187 Röttenbach in der Marienstraße hinter der Marienkirche aus. Es soll ein Meditations- und Heilgarten sein/werden, in dem jeder auf die innere Stimme hören lernen kann und den Zusammenhang von Gesundheit und Tugend entdecken. Am kommenden Sonntag wird dieser Garten mit einem Sonntagsgottesdienst eröffnet. Ich werde den Artikel ausdrucken und am Beginn des Abschnittes „Tugenden für die Schwangerschaft“ aushängen. Ich hoffe. Sie sind damit einverstanden. Es wäre schön, Sie persönlich im Garten begrüßen zu dürfen!
    Ich wollte ein Bild ein von mir gemaltes Bild der himmlischen Liebe einfügen, aber das ging nicht! Alles Liebe Verena Schmidpeter

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