Auf Augenhöhe – 9. Sonntag im Jahreskreis C

Aus dem Evangelium nach Lukas, Kapitel 7
in der Übersetzung von Fridolin Stier
Nachdem er all seine Worte dem Volk zu Ohren vollendet hatte, kam er nach Kafarnaum hinein.
2 Eines Hauptmanns Knecht aber war übel dran, es ging zu Ende mit ihm – der war ihm teuer.
3 Als er aber von Jesus hörte, sandte er zu ihm Älteste der Juden, ihn bittend, er möchte kommen und seinen Knecht hindurchretten.
4 So fanden sie sich bei Jesus ein, ermutigten ihn dringend und sagten: Er ist es wert, dass du ihm das gewährst,
5 denn er liebt unsere Volksgemeinschaft, und er hat uns die Synagoge gebaut.
6 Jesus ging mit ihnen. Als er nicht mehr weit vom Haus weg war, schickte der Hauptmann Freunde und ließ ihm sagen: Herr, bemühe dich nicht. Ich bin ja nicht genug, dass du unter mein Dach kommst.
7 Darum hielt ich mich auch nicht für wert, zu dir zu kommen. Aber sprich ein Wort, so wird mein Bursche geheilt.
8 Dann: Auch ich bin ein Mensch unter Vollmacht gestellt, und ich habe Soldaten unter mir. Sage ich zu einem: „Geh:“ so geht er; und zu einem andern: „Komm!“ so kommt er; und zu meinen Knecht: „Tu das!“, so tut er es.
9 Als Jesus das hörte, staunte er über ihn, wandte sich um und sprach zu den Leuten, die ihm nachfolgten: Ich sag euch, nicht einmal in Israel habe ich so großen Glauben gefunden.
10 Und zurückgekehrt ins Haus, fanden die Ausgeschickten den Knecht gesund.

Autorin:
Gabriele Greiner-Jopp, verheiratet, lebt in Wendlingen
z.Zt. als Dekanatsreferentin, Gemeindereferentin und Beraterin tätig

 
Die Predigt:
Auf Augenhöhe

Liebe Leserin, lieber Leser,
den berühmtesten Satz aus diesem Evangelium kennen wir auswendig: Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.
Wir sagen/beten diesen Satz vor dem Kommunionempfang. Aber stimmt dieser Satz für uns?

Im Original sagt ihn ein römischer Hauptmann in Kapharnaum. Diese Stadt ist für Jesus zur zweiten Heimat geworden. Dort leben Petrus, Jakobus und Johannes, seine ersten Jünger. In Kapharnaum, einer lebendigen Handelsstadt am See Genezareth, sind auch Römer als Besatzungsmacht stationiert. Sie sorgen für Ruhe und Ordnung, kontrollieren die Abgaben, zeigen Präsenz. Beliebt sind sie nicht. Wer von der jüdischen Bevölkerung mit ihnen direkten Kontakt hatte, war kultisch unrein. Dem römischen Hauptmann war das sicher bekannt.

Ob aus Rücksicht auf Jesus, weil er ihn nicht kompromittieren wollte, oder weil er sich mehr Erfolg , d.h. Hilfe für seinen kranken Knecht verspricht, wir wissen es nicht, jedenfalls schickt er jüdische Bekannte vor, die Jesus um Hilfe bitten.
Offensichtlich muss Jesus auch gedrängt und überzeugt werden mitzugehen. Aus anderen Geschichten wissen wir ja, dass er sich ausschließlich zu seinem Volk gesandt wusste – nicht zu den Heiden.
Er fügt sich dann doch den Wünschen und Argumenten der Ältesten und des römischen Hauptmanns und geht mit. Als er in Sichtweite des Hauses ist, schickt ihm der Hauptmann im Rang eines Offiziers Freunde entgegen und lässt sie diesen bekannten Satz ausrichten: „Ich bin nicht wert, dass Du zu mir kommst. Aber wenn Du willst, muss mein Diener gesund werden“. Die Erklärung für das Wort „muss“ schickt er gleich hinterher: Einem Befehl muss gehorcht werden.

Der Hauptmann befindet sich in diesem System von Befehl und Gehorsam – da bleibt keine Wahl. Weder ihm, noch dem kranken Diener.
Dass der Hauptmann keine andere Welt kennt – verständlich. Dass er annimmt, auch für Jesu religiöse Welt und seine spirituelle Macht gelte dasselbe, ist aufschlussreich. „Der Mensch geht immer von sich selber aus“, sagt der Volksmund.
Jesus, erstaunlich genug, geht darauf ein. Weil er sich dem militärischen System von Befehl und Gehorsam unterwirft? Das wäre eine Möglichkeit. Die andere ist: Er interpretiert das Zwangssystem um, in das System von Vertrauen und Liebe. Ich tue für Deinen Diener aus freien Stücken und Zuneigung, worum Du mich bittest.
Anders gesagt: ich helfe ihm, weil ich Dir – im positiven Sinn – unterstelle, dass Du mir vertraust. So kommt Spielraum und Freiheit in das Geschehen.

Ich glaube Jesus hätte sich nicht zwingen lassen. Weder zum Heilen noch zur Ablehnung. In großer Souveränität behandelt er den Wunsch des Hauptmanns als vertrauensvollen Glauben. Eventuell hilft dieser Raum des Vertrauens auch dem kranken Diener zu mehr Luft; er muss nicht mehr gesund werden, sondern kann oder darf heil werden, und damit zu sich selber kommen.
Statt Befehl und Gehorsam: Vertrauen und die Antwort aus freiem Willen. So entsteht Würde. So entsteht Augenhöhe. So können wir aufrecht leben.

Und nun sagen wir diesen Satz des Hauptmanns vor jedem Kommunionempfang. Sind wir Heiden, d.h. Ungläubige? Müssen wir uns klein machen vor Jesus Christus, damit er sich uns schenkt im Mahl der Liebe? Solche Fragen gehen mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich diesen Satz beten soll.
Wir sind doch getaufte und gefirmte Christinnen und Christen – Jesus nennt uns Schwestern und Brüder – sind wir nicht deshalb eingeladen? Und noch etwas fällt mir auf: Bis zu dieser Stelle im Gottesdienst bitten wir an verschiedenen Stellen um Vergebung unserer Schuld bzw. um Gottes Erbarmen– reicht das nicht? Glauben wir Gott nicht, dass er uns so liebt, wie wir sind?
Wofür soll ich jetzt bekennen, dass ich nicht würdig bin Jesu Einladung anzunehmen? Und auch der zweite Teil des Satzes kommt hinzu: „aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Mir hat einmal ein psychisch schwer angeschlagene Frau gesagt: „Ich bete diesen Satz jedes Mal aus ganzem Herzen, aber Jesus spricht diesen Satz nicht. Meine Seele wird nicht gesund!“ Was soll ich dieser Frau sagen? Die Bitte eines römischen Offiziers sieht Jesus als großen Glauben an – Deine, die du auf seinen Namen getauft bist, reicht ihm nicht?

Ich jedenfalls glaube nicht, dass dieser Satz an dieser Stelle des Gottesdienstes nötig ist. Wie viel schöner wäre es beten zu können: Ich danke Dir, dass Du mich würdig und wertvoll gemacht hast und zu mir kommen willst.
Oder: Ich danke dir, dass du mich gesund und lebendig willst. Dass du mich stärkst mit Deinem Leib und Blut.
Oder: Wir danken dir, dass wir als Schwestern und Brüder zu Deinem Mahl geladen sind.
Was würde sich ändern in unserer Kirche, wenn wir wirklich darauf vertrauen könnten, dass Jesus Christus uns auf Augenhöhe will, dass wir seine Schwestern und Brüder sind? Das wäre ein großer Glaube, vergleichbar dem des römischen Offiziers. Diesen wünsche ich uns.

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3 Antworten auf Auf Augenhöhe – 9. Sonntag im Jahreskreis C

  1. W sagt:

    Vielen Dank für diese Auslegung. Da ich morgen eine Katechese in der Familiemesse zu diesem Evangelium halten muss, weiß ich jetzt, warum ich solche Probleme hatte. Ich habe die Situation Befehl- Gehorsam einfach verdrängt und sie auf Vertrauen und Glauben fokussiert. Mir wird aber jetzt klar, wie dankbar ich sein kann, dass ich nicht wie der Hauptmann in seinen Zwängen denken und sprechen muss. Jesus tat aber recht, dass er sich darauf einlässt und den Hauptmann lobt wegen seines starken Glaubens. Gleichzeitig zeigt er der Menge, dass er sich nicht auf das Schema: Befehl-Gehorsam einlässt, denn er spricht kein Wort schon gar nicht gibt er einen Befehl. Er überlässt seinem Vater die Entscheidung. Diesen Zusammenhang, werde ich morgen noch aufgreifen. Nochmals : Vielen Dank

  2. Benedikta Hellrung sagt:

    Sie sprechen mir ganz aus dem Herzen.! Ihre Vorschläge zum Gebet kurz vor der Kommunion entsprechen ganz einem großen , dankbaren Vertrauen auf die Liebe Gottes. Ich denke auch, es reicht, wenn wir vorher mehrmals um Vergebung gebeten haben. Sonst nehmen wir weder uns selbst noch die Barmherzigkeit Gottes ernst.

  3. Maria sagt:

    Danke für diese Auseinandersetzung in der Predigt. Für mich ist der Satz eine schlichte Beschreibung existentieller „wahrheit“. Allerdings bleibe ich im Gebet nicht ohne Antwort. Und so kann ich die alternativen Vorschläge gut nachvollziehen.

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