Keiner ist sich selbst genug – 6. Sonntag der Osterzeit B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 15
Jesus sprach: 9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
12 Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
17 Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

Autorin:

Maria Sinz, Gemeindereferentin, Aalen,
stellvertretende geistliche Leiterin der KAB ( Katholische Arbeitnehmerbewegung)

 
Die Predigt:
Keiner ist sich selbst genug

Liebe Leserin, lieber Leser,
Muttertag! Dieser zweite Sonntag im Mai ist in vielen Kalendern fest verankert als Familientag. In Kindergärten und Grundschulen wurde gewerkelt und gebastelt, die Mutter wird verwöhnt, erwachsene Söhne und Töchter besuchen ihre Mutter, vor allem wenn diese älter ist.
Muttertag! Jenseits von Kommerz und Fleurop – Aktivismus und eingedenk des Missbrauchs dieses Tages im Nationalsozialismus, der Mütter nur als Heldenmütter kannte: was bleibt?
Wohlwollend interpretiert ist es ein Tag, an dem wir symbolisch der Frau, die uns geboren hat, Respekt zeigen.
Sympathisch am Muttertag scheint mir, dass wir uns auf die Frau beziehen, der wir das Leben verdanken, oder genauer: das Geboren – Sein.

Diese Woche war die hochschwangere Thora Arnorsdottir, im Kreis ihrer Familie in der Tageszeitung unter der Rubrik „aus aller Welt“ abgebildet.
Die 37jährige Isländerin, bald dreifache Mutter, steht derzeit im Wahlkampf um das Präsidentenamt in Island. Ihr Mann unterstützt und begleitet sie. Ein erfrischend anderes Bild zum Muttertag, ungewöhnlich, aber es kommt leicht daher: so kann es auch sein. Eine Mutter mitten in der Welt, im politischen Geschehen. Sicher ist diese Frau privilegiert, dennoch wirkt das Bild irgendwie selbstverständlich: klar kann sie Präsidentin werden. Warum nicht? Tatsächlich ist sie eine aussichtsreiche Kandidatin.
Thora Arnorsdottir zeigt sich auf einem Wahlkampfbild hochschwanger, umringt von Kindern, zwei eigene und drei Töchter des Ehemannes.
Das Bild lädt zum Träumen ein, macht ein bisschen neidisch: die Isländer sind schon in einer Welt der selbstverständlichen Vielfalt angekommen. Man stelle sich vor, in der Ordinariats- Rats- Sitzung sitze eine stillende Frau! Tatsächlich wären viele Eltern schon zufrieden, sie müssten weniger für die Betreuung ihres Kindes zahlen.

Zweifelsohne verändert sich viel. Dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, ist ihr Muttersein merkwürdig abgespalten, dem Privaten zugeordnet, im Sinne von streng getrennt. Hier setzt seit den 70er/80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Denken an, das sich als „Arbeit am Symbolischen“ versteht, einen Ausgangspunkt im Mailänder Frauenbuchladen hat und sich mindestens im deutschen Sprachraum auf Hannah Arendt bezieht.

Zeitgenössische Theologinnen gehen seit einigen Jahren daran, das Geboren – Sein in die Mitte ihres Nachdenkens zu stellen. Über Sterben und Tod wird theologisch immer schon reflektiert, während über Geburt selten Aufsätze in einschlägiger Fachliteratur zu finden sind.

Leben von der Geburtlichkeit her zu denken betont, dass Menschen fähig sind zur Initiative in der Welt, in die hinein sie geboren sind. Mit jedem Menschen, der geboren wird, wird ein Anfang gesetzt in bereits Bestehendes hinein. Jeder Neuankömmling findet Personen vor, auf die er angewiesen ist, Menschen, die ihm Sprache vermitteln, Kultur, Tradition, Glaube. Menschen finden ein Gewebe vor, in das hinein sie ihren Lebensfaden schlagen. Wesentlich an diesem Denken ist das Anerkennen derer, die vor mir waren. Ich bin nicht einfach aus Eigenleistung frei vom Himmel gefallen. Es macht einen großen Unterschied, ob ich, was ich vorfinde, als selbstverständlich gegeben nehme, oder mich bewusst darauf beziehe. Was nicht meint, dass ich dem Vorgefundenen immer zustimme. Aber: ich greife nicht einfach Leistungen anderer ab und verkaufe sie als eigene, oder tue so, als wäre das immer so gewesen.
Es ist eine andere Art, die Welt zu sehen. Ein Denken zu dem ich mich entscheiden kann. Ein Denken, das u.a. in der Arbeiterbewegung notwendigerweise bewusst gepflegt wird. So haben wir am 1.Mai erinnert, dass der 8-Stunden Tag nicht vom Himmel gefallen ist, sondern hart erstritten wurde und heute für Menschen im Niedriglohnbereich in weite Ferne gerückt ist. Beim 8-Stunden Tag denken wir nicht zuerst an vom Burn – Out bedrohte Manager. Der 8 Stunden Tag, die 5 Tage Woche, die 35 Stunden Woche stehen symbolisch dafür, dass Arbeit begrenzt wird und in dieser Zeit genug verdient wird, um davon leben zu können. Es stand auch einmal für: teilen.

Sich in einer Genealogie verankert wissen, ist auch biblischem Denken wichtig. Erinnert sei der Spruch „Der Gott Abrahams, Hagars und Saras, Isaaks und Rebekkas, Jakobs, Leas und Rahels. Darüber hinaus stellt Jesus uns Gott als einen Gott – in – Beziehung vor: „Mein Vater und ich“.

Die Abschiedsreden des Johannesevangeliums zeugen davon.
Wieder und wieder legt Jesus seinen Freundinnen und Freunden ans Herz in Verbindung zu bleiben mit dem, was, oder besser wie er sie gelehrt hat. Sie sollen sich an sein Beispiel erinnern. Lieben wie er geliebt hat. Bei dieser Liebe geht es nicht um ein diffuses romantisches Gefühl, und vor allem nicht um ein autonomes sich selbst setzendes „ich denke also bin ich“, sondern um eine Bezogenheit, die Vorausgegangenes anerkennt: wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.

Jesus steht entschieden zur Tradition: haltet meine Gebote. Er kennt nicht den konstruierten Widerspruch zwischen Verpflichtung auf Gebote und Liebe. Liebe hat klare Spielregeln, eine davon ist Gegenseitigkeit.
Dabei verträgt diese Liebe keine Hierarchie, kein Machtgefälle im Sinne einer Aufspaltung: die einen ordnen an, die anderen führen aus.
Die einen denken, die anderen tun. Diese Spaltung hat bei Jesus keinen Platz. „Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.“
Jesus gibt rückhaltlos weiter, was er empfangen hat. Damit befähigt er seine Freundinnen und Freunde, und uns, zu freiem Handeln, nicht als Sklaven, sondern als Söhne und Töchter.
Diesen Geist durfte ich in der kirchlichen Jugendarbeit der 70er Jahre atmen. Viele, die damals in der CAJ sozialisiert waren, übersetzen ihren Glauben in den betrieblichen Alltag.

„Liebt einander!“ Ein Handeln, das von Liebe geprägt ist, betont, dass die menschlichen Angelegenheiten gestaltbar sind. Diese Weltsicht betont die Verantwortung. Die Wirklichkeit, wie wir sie vorfinden, ist Ergebnis menschlicher Entscheidungen und veränderbar.
Am Beginn der Arbeiterbewegung haben die Menschen wohl kaum davon geträumt, dass sie einmal von einer Betriebsverfassung unterstützt werden.

Auf die Situation heute bezogen geht es um eine Lebenshaltung, die schließlich in eine Politik mündet, nach der etwa Frauen und Kinder weniger von Armut bedroht sind als es derzeit im reichen Deutschland der Fall ist. Um Lebensentwürfe in denen Fürsorgearbeit geteilt wird. Um eine Wirklichkeit, in der die Entscheidung für soziale Arbeit, ob familiär oder professionell, nicht mehr bedeutet lebenslang wenig zu verdienen.

Als konkretes Bespiel dafür, wie Überzeugung in Politik münden kann nennen KAB’lerInnen oft ihr erfolgreiches Engagement bei der „Rente für Mütter“. Ein Anfang – unter anderen – dessen symbolische Bedeutung weit über den realen Gewinn hinausreicht.

Ich widme diese Predigt meinem Freund Urs Häner, aus dem Kreis der Arbeitergeschwister, die genau an diesem Wochenende ihr 40 jähriges Jubiläum feiern. Er ist seit 15 Jahren ein Gegenüber bei meinen Denkversuchen nach Hannah Arendt.

zum Weiterlesen: Die Theologin Ina Praetorius bezieht sich in ihrer Sammlung “Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken“ auf die politische Philosophin Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

Dieser Beitrag wurde unter Predigten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Keiner ist sich selbst genug – 6. Sonntag der Osterzeit B

  1. W sagt:

    Der Gedanke, dass auch Jesus seine Motivation, seine Botschaft vom Reich Gottes, sein Durchhalten bis zum Letzten nicht allein aus sich selber herleitet, sondern auch wie wir Menschen ein Gewebe vorfand, in das hinein er anküpfen konnte, finde ich wunderbar. Seine Liebe ist geprägt durch die Liebe des Vaters. An diese Erfahrung, geliebt zu sein, knüpft er an. So klar habe ich das noch nie gesehen. Danke!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>