Was einen guten Hirten und eine gute Hirtin ausmacht – 4. Sonntag der Osterzeit B

Aus dem Evangelium nach Johannes, Kapitel 10
In jener Zeit sagte Jesus:
11 Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.
12 Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht,
13 weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.
14 Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,
15 wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.
16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.
17 Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.
18 Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Autorin:

Gaby Bungartz, Pastoralreferentin in einer Seelsorgeeinheit im Allgäu, Sozialpädagogin, Supervisorin (DGSv)

 
Die Predigt:
Was einen guten Hirten und eine gute Hirtin ausmacht

Liebe Leserin, lieber Leser,
ein guter Hirte sein, das ist harte Arbeit und hat nichts mit romantischen Bildern und Vorstellungen von einem geruhsamen Leben zu tun! Ein guter Hirte muss oft mehrere hundert Schafe ständig im Auge behalten, sich um geeignetes Weideland und um verletzte Tiere kümmern, nach Lämmern und Muttertieren in besonderer Weise schauen usw. usw.
Hirt und Herde sind aufeinander angewiesen – ohne hohe Präsenz und überdurchschnittliches Engagement lässt sich das nicht machen.

Der eben gehörte Abschnitt aus dem Johannesevangelium kennt diesen anspruchsvollen Dienst – da heißt es beispielsweise „ich kenne die Meinen“, „sie werden auf meine Stimme hören“ oder „ich gebe mein Leben“. Diese Aussagen zeigen, welch intensive Beziehung und welch intensives Engagement nötig sind, um eine Herde zu führen. Wenn das schon mit Tieren so ist – wie viel mehr dann noch mit Menschen!

Alle Berufe, die mit Menschen zu tun haben, kommen nicht umhin, eine Beziehung aufzubauen: Lehrer, die nur Stoff darbieten, werden nicht geschätzt und erreichen oft nicht viel. Auch Ärzte, die nur Apparatemedizin betreiben und Pillen verschreiben, sind nicht beliebt. Auch Pfarrer und pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nur amtlich und unpersönlich handeln, werden kaum Zulauf haben.
Erfahrung, Sachwissen, Kompetenz und Lebenswissen gehören freilich auch dazu. Der Hirte hat vorauszugehen. Er kennt die guten Weiden und die Wege dorthin.

In unserem Schrifttext geht es letztlich aber um Gott selber als den Hirten seines Volkes. Gott ist Beziehung – es ist ihm nicht egal, was mit der Erde und den Menschen geschieht. Im ersten Bund, im Alten Testament, in der Geschichte des Volkes Israel und im neuen Bund, in Jesus Christus, bindet er sich unwiderruflich an uns Menschen.

Ein Hirte hat auch Verantwortung für seine Herde. Er muss sich mit allen Tieren vertraut machen, damit sie auf seine Stimme hören. Das werden sie jedoch nur dann tun, wenn sie ihn kennen und gute Erfahrungen mit ihm gemacht haben. – In Zeiten immer größer werdenden Seelsorgeeinheiten wird es zunehmend schwieriger, dauerhafte und nicht nur punktuelle Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Sich Zeit nehmen, ein Stück Weg miteinander gehen und leben, das sind Grundelemente von Beziehung.

Im heutigen Evangelium heißt es „ich gebe mein Leben hin“ – so verstanden meint Hingabe „sich selbst geben“, für andere als Person erlebbar, sichtbar und spürbar zu sein. Die Menschen müssen spüren, dass es mir nicht nur um die Sache geht, sondern um den oder die Menschen, die damit verbunden sind. Die „Sache Jesu“ ist unlösbar mit seiner Person und seiner Botschaft verbunden. Das „personale Angebot“ ist wichtiger als das Sachangebot.

Das Bild des guten Hirten macht deutlich, dass es ohne ein Sich – Hineingeben in die Situation nicht geht. Sein Auftrag umfasst Führen und Leiten genauso wie Beschützen und Pflegen, Verweilen und Aufbrechen genauso wie Sammeln und Begrenzen, Unterwegssein genauso wie Ruhen.

Gute Hirten brauchen wir heute dringender denn je – in Kirche und Gesellschaft, in Schulen und Betrieben – einfach überall! Ich wünsche uns allen, dass es uns immer wieder gelingt, am biblischen Beispiel uns zu orientieren und einander zu guten Hirtinnen und Hirten zu werden. Amen

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